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Samstag, 25. Februar 2023

Rauchzeichen

Es geschah in grauer Vorzeit als meine Kinder ware sechs und zwei Jahre alt. Sie bekamen ein Buch in dem das Leben der Indianer beschrieben war. Daraus lasen wir ihnen abends als Gutenachtgeschichte ein Kapitel vor. Fortan versuchten die Jungs und ich uns lautlos durch die Wälder zu schleichen. Manchmal klappte es sogar.

Eines Sonntagmorgen wurden wir von einem seltsamen Geruch wach. Da arbeitsfreier Tag schliefen wir sonntags etwas länger.  Die Kinder waren schon wach und aus ihren Betten. Sie sassen friedlich im Wohnzimmer auf dem Boden und sagten sie spielen Indianer. Noch immer konnte ich mir keinen Reim auf den seltsamen Geruch machen und war weiter auf der Suche nach der Quelle. Mit halben Ohr hörte ich den Bengeln zu. Irgendwann sagte einer, dass es schade sei, dass das Lagerfeuer nicht brennt ... 

... da schrillten bei mir die Alarmglocken!

Ich fragte, wo sie denn ein Lagerfeuer gemacht hätten. Als sie mir es zeigten, traf mich schier der Schlag. Wir hatten fast sechs Meter, deckenhohe Regalwand voll mit Büchern und Aktenordner. Meine Jungs hatten ihr Lagerfeuer genau unter eines der Regalbretter angezündet.🙈 Das Brett war an der Unterseite schon reichlich schwarz und ich mag es mir nicht ausdenken, was passiert wäre, wenn das Lagerfeuer nicht ausgegangen wäre.

Der Schutzengel hat kräftig Überstunden gemacht!


Copyright Julietta Günther


Montag, 28. November 2022

Weinbergschnecken

Meine Kindheit war recht unbeschwert. Meistens lebten wir am Rande von Wald und Feldern und so stromerten wir viel durch Wälder und Flur. Die Plätze für die Maiglöckchen für Muttertag kannten wir gut, ebenso wo die grössten Walderdbeeren waren, Pilze oder auch wie man an die Himbeeren in Nachbars Garten kamen. Wir lebten ein paar Jahre in einem kleinen Dorf in einem Mehrfamilienhaus. Das Gebäude hatte einen Keller, mit deckenhohen Regalen, in denen meine Mutter die eingekochten Schätze bewahrte. Damals müssen wir circa sieben und drei Jahre alt gewesen sein. Am Ende der Straße war ein kleiner Weinberg. Ein richtiger kleiner Berg, wohl eher ein größerer Hügel, der rundherum mit Rebenstöcke  bepflanzt war. 

Auf der anderen Strassemseite, gegenüber unserer Wohnung  befand sich ein riesiger Spielplatz.

Wir spieltem dort oft  Spargelstechen. Dazu gruben wir unsere nackten Füsse in den Sand und streckten immer mal wieder einen Zeh  heraus, den der andere fassen musste. Nachdem wir alle kitzelig war, war das Gekichere und Gelächter gross.

Eines Tages erzählte meine Freundin, dass man mit Weinbergschnecken Geld verdienen kann. Die Idee gefiel uns. So zogen meine gleichaltrige Schulkameradin und ich mit meinem kleinen Bruder im Schlepptau los. Holten von zu Hause einen zehn Liter Wischeimer und ab in den Weinberg Schnecken sammeln. Wir waren recht fleißig und schnell war der Eimer dreiviertel voll. Allerdings sammelte mein Bruder alles ein, was nur irgendwie nach Schnecken aussah, auch die Allerkleinsten und auch die ohne Schneckenhaus.

Dann rief uns meine Mutter rein. Den Eimer mit den Schnecken schmuggelten wir ins Haus und brachten ihn in den Keller. Es sollte schliesslich eine Überraschung sein, dass wir Geld verdient hatten. Beinahe hätte mein Brüderchen uns verraten. Zum Glück konnte sich meine Mutter auf sein Gebrabbel keinen Reim machen.

... und wie Kinder so sind ... aus den Augen aus dem Sinn ...

Am nächsten Tag gellte ein Schrei durchs Haus. Oh ha! Wenn meine Mutter unsere Kosenamen zusammenzog und als einen Namen sagte, hatten wir irgendetwas ausgefressen und es war Vorsicht geboten! Als wir in den Keller kamen, traute ich meinen Augen nicht - hunderte Schnecken waren auf Wanderschaft gegangen. Sie waren über die Gläser mit dem Eingemachten gekrochen, kletterten die Regale hoch, klebten kopfüber an der Decke, na ja und am Boden laufen konnten wir auch nicht mehr

🙈

Sah schon komisch aus. Als ich dann auch noch anfing zu kichern, platzte meiner Mutter endgültig der Kragen. Mann war die sauer! Wir mussten gefühlte Stunden die Kriechtiere wieder einsammeln und unsere Beute wieder in den Weinberg bringen. Die schönen Schnecken und der Verdienst war auch futsch😒

Obendrein bekamen wir eine Woche Hausarrest..  kein Spielplatz. Meine Mutter sprach tagelang sehr einsilbig mit uns. Insbesondere wenn sie aus dem Keller kam, gingen wir besser in Deckung. Das legte sich erst wieder, nachdem sie alle Regale, Einmachgläser, Werkzeug, Fahrräder, Kinderwagen etc. Von der  klebrigen Schneckenhinterlassenschaft befreit hatte. 

So war es nichts mehr mit Schnecken Geld verdienen. Jahre später versuchten wir es moch einmal mit Kastanien, die man an den Zoo verkaufen hätte können. Nun denn, die krochen wenigstens nicht aus dem Sack, aber rochen nicht sehr angenehm, als sie zu schimmeln begannen.

😂


Copyright Julietta Günther 

Dienstag, 15. November 2022

Dachschaden

Wir wohnten in einem kleinen Häuschen idyllisch an einem Feuerlöschteich gelegen. 

Im Sommer liefen meine Jungs mit Badehose aus der Haustür, um wenig später im See zu plantschen. Im Winter hörte man hingegen dass metallische Klacken der Schlittschuhe auf dem Asphalt. Schlittschuhlaufen, Eishockey und Curling stand dann auf dem Programm.

Auf dem Hausdach stand ein grosser Verteilermast von dem aus die Stromkabel für die Nachbarhäuser abgingen. Hinter dem Haus stieg das Gelände an. 

Kurz hinter der Bruchkante zum Hang hin, stand eine riesige Eiche, fast schon streifte sie den Strommasten beim Verteilerkasten.  Sie neigte sich im Laufe der Jahre immer mehr. Je nach dem, gehörte der Baum mal zur Gemeinde, mal mir.

Ich befand mich just auf Auslandreise, als mein Sohn, damals gerade einmal achtzehn Jahre alt, mich völlig aufgelöst, fast schon hysterisch anrief.

"Mama, es ist was Schlimmes passiert" sagte er mit einer fast tonlosen Stimme, die immer wieder von Schluchsen unterbrochen wurde. 

Welcher Mutter sackt da nicht das Herz in die Magengrube und  der Atem bleibt stehen. In Bruchteil von Sekunden tauchen einem vor dem inneren Auge die schlimmsten Szenarien auf. Ich fragte beklommen, ob seinem Bruder etwas passiert sein. Erleichert hörte ich das beiden nichts passiert ist. Mein Jüngster unterdessen schluchste weiter, immer wieder unterbrochen mit einem "was soll denn jetzt machen?"  Es brauchte geraume Zeit bis ich meinen Spross einigermassen beruhigt hatte. 

Endlich schaffte er mir zu sagen, was geschehen war. Er sagte mir, dass die riesige Eiche in unser Dach gekracht war und den Kabelbaum mitgerissen hat. Dann fing er wieder an zu schniefen; sein ganzes Zimmer sei kaputt, auch die Deko die er an die Wand gemalt, einfach alles. Jetzt hätte es auch noch angefangen zu regnen, meinte er.

Nachdem ich wusste, dass meinen Buben nichts geschehen ist, hatte mein Verstand wieder eingesetzt. Doch mein Hirn ratterte, "verflixt, was macht man denn in so einer Situation?"

Das erste war, dass ich meinen Sohn verbot, in sein Zimmer zu gehen, bzw nicht in den ersten Stock. Ich wusste ja nicht was der Kabelbaum angerichtet hatte und ob der noch unter Strom stand. So fiel mir zuerst die Feuerwehr an. Keine Ahnung, ob die hilft. Aber Strom, Wasser und zerdeppertes Dach ... 

Zwischendrin bekam mein Sohn wieder hysterische Anfälle. Irgendwann hatte ich ihn soweit, dass er die Feuerwehr anrufen soll. Ich würde gleich wieder anrufen. Ok, sie kämen. 

Also gut, das war der erste Schritt. Doch was nun? Mehrere Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich im Ausland, Jungs brauchten eine Ersatzbleibe, kein Geld für Dachreparatur usw.

Mein Sohn sollte mich anrufen, wenn die Feuerwehr da gewesen sei. Ich wartete, wartete und sass wie auf Kohlen. Irgendwann klingte endlich das Telefon. Die Feuerwehr hätte den Baum zersägt und eine Folie aufs Dach gezogen, aber der Strom sei weg. 

Zwischendrin jammerte Junior wieder über den Zustand seines Zimmers, was alles kaputt sei und wer jetzt die ganzen Äste aus dem Raum räumt. (Manchmal hat man in Krisensituationen schon seltsame Gedanken, dachte ich mir dabei)

Dann bat ich ihn den Ordner von der Versicherung herauszuholen und dort anzurufen.

Nun denn, das Ganze zog sich über Stunden hin, während ich nebenbei noch meine Besprechung mit einem unserer Hauptkunden abzuhalten hatte.

Als ich endlich meinen Sohn nach der Versicherung fragen konnte, fing der hysterisch an zu lachen und kriegte sich überhaupt nicht mehr ein. Vermutete dass ihm die Nerven durchgegangen waren. Je mehr ich ihn versuchte zu beruhigen, desto mehr lachte er. Ich war nur hunderte Kilometer entfernt, um ihn mit einer Ohrfeige aus seinem Lachanfall zu holen. Irgendwann beruhigte er sich und dann kam ganz trocken:

"April, April! Mama, du glaubst auch allen Scheiss!" ...

... 

Da hatte mein Jüngster Glück, dass er so weit weg war. Ich war einerseits heilfroh, dass das wieder einmal nur einer der berüchtigten Vorstellungen meines Sohnes war. Andererseits hätte ich ihn am liebsten zum Mond geschossen...

Es gibt wohl kein Familienmitglied, der ihm nicht schon einmal auf den Leim gegangen ist. Mein Junge konnte über Stunden hinweg eine solch überzeugende Rolle spielen ohne dass auch nur ein Grinsen ihn verraten hätte.


Copyright Julietta Günther


Sonntag, 13. November 2022

Wo ist die Tarnkappe?

Als meine Kinder klein waren, gehörte ich zur Katagorie "Rabenmutter", weil ich trotz Kinder arbeiten ging. (Allerdings konnte mir schon damals keiner sagen, womit ich meine Kinder ernähren sollte, wenn ich kein Einkommen hätte). 

Wie auch immer - 

Ich war durch meine Arbeit in der Lage, eine Tagesmutter zu bezahlen. So brachte ich meine Jungs vor der Arbeit dort hin und holte nach der Arbeit sie wieder ab. Die ersten Jahre benutze ich mit meinem Ältesten die S-Bahn und wir waren nicht nur durch die Regelmässigkeit, sondern  insbesondere dadurch bekannt, dass Sohn immer irgendwelche Kapriolen machte. Er war ein Strahlemann mit blauen Augen, dem die Fahrgäste bereitwillig ihren Fensterplatz überliessen. Hauptsächlich fiel der Knirps damit auf, dass er  zum Entertainer der Fahrgäste wurde und für manche Lacher sorgte. 

In unserem täglichen Reisegepäck befand sich nicht nur der Korb mit seinen Lieblingsplüschtieren, die ihn überall hin begleiten mussten, sondern auch diverse Bilderbücher und sein über zweihundert seitenstarkes Tierbuch in dem jedes Seite ein Tier abgebildet war. Er war noch keine zwei Jahre alt als er fast alle mit Namen benennen konnte und ganze Bandwurmsätze sprach.

Die Fahrgäste kannten bald alle Lieblingslieder der Tagesmutter. Mein Sohn trällte sie fröhlich in nicht überhörbarer Lautstärke vor sich hin. Nur bei dem Lied "Die Glocken von Rom" hatten manche Probleme es zu erkennen. Mein Sohn hatte daraus "Die Gurken von Romm" gemacht, mit starker Betonung auf einen kurzen "Romm", was wie ein Paukenschlag klang.

Eines schönen Sommertages waren wir auf dem Heimweg. Ich trug ein Sommerkleid mit Stufenrock und Carmenausschnitt. Letzterer war mit Gummizug in Form gebracht worden. Wir schauten ein Bilderbuch von einem Bauernhof an. Dort waren jeweils die erwachsenen Tiere mit ihrem Nachwuchs zu sehen. Junior fragte mir Löcher in den Bauch. "Was ist das?" Die Kuh und ihr Euter hatten ihm besonders angetan. Ich sagte ihm, es sei ein Euter aus dem die Milch für die Kälbchen heraus käme. Mein Sprössling wiederholte ein paar Mal recht andächtig das Wort "Euter". Es rumorte in seinem kleinen Köpfchen. Mit einem Mal drehte er sich um, packte meinen Carmenausschnitt, zog ihn runter und klatschte mit seinen kleinen Patschehändchen auf meinen blanken Busen, lautstark verkündigte er 

"Du auch Euter!"

So sass ich da mit blanken Busen in einer vollbesetzten S-Bahn mit puterrotem Kopf, während alle Fahrgäste gröllten vor Lachen.

Mich erstaunt bis heute, wie der kleine Mann die Verbindung vom Kuheuter zu meiner Brust kombinieren konnte.

Ein anderes Mal sass uns gegenüber ein junger Mann, der eingeschlafen war. Mein Sohn betrachtete ihn ausgiebig und ich merkte, dass ihn irgendetwas beschäftigte.

Mit einem Mal stiess mein Spross einen ohrenbetäubenden Schrei aus. Alle Fahrgäste schauten auf. Der junge Mann schreckte reichlich verdaddert aus seinem Schlaf auf. Worauf mein Sohn in entspechender Lautstärke, ganz trocken bemerkte

"Jetzt ist er wach!" Alles lachte und der junge Mann wusste garnicht wie ihm geschah.

So brachte mein Sprössling mich das ein oder andere Mal in Verlegenheit.



Copyright Julietta Guenther